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Quelle(Flaschner) Es war Sonntag, Ende August, auf die Stadt war seit Wochen kein Regen gefallen.Unter dem wolkenlosen Himmel glühten die staubig riechenden Steine, der wenige Frühtau wurde von der gleißenden Morgensonne sogleich aufgesogen.Nicht ein Lufthauch regte sich, zum Nachmittag hin wurde die Wärme so drückend, als hätten sich aufeinander gepresste Glasscheiben über die Straßen gezwängt.Auf der kleinen Eisenbrücke des Flusses, auf dem brühheißen Geländer, leuchteten rötlich die jählings verbrannten Falter wie Rostflecken.
Aus den gezähnten schwarzen Schatten schlugen, Obstfliegen gleich, Käfer mit harten Panzern hervor, sie wurden von der zu Pulver getrockneten Erde hinaufgespuckt, flimmerten in der unerträglichen Hitze und knallten wie Schrot, das Flügel bekommen hatte, sobald sie die Steine berührten.Die alten Geschichten erzählen davon, dass viele Jahre vor diesem heißen Sonntag im August, hier, an demselben hügeligen, von Unterspülungen zerstückelten, lössigen Ufer, ein Verladehaus stand.Vogelnester, winzige Löcher im Sand.Sein Hafenteil aus Pfählen ragte in den Fluss hinein, entweder dort oder an dem flachen Ufer neben der Mole konnten die Barken und Schiffe umgeladen werden. Das besagte Bauwerk diente übrigens nicht nur zur Lagerung, sondern bot auch gleichzeitig den von Süden kommenden kroatischen und serbischen Krämern, den sie hier erwartenden, in Wagen mit Lederverdecken reisenden jüdischen Kaufleuten und natürlich allen anderen, die sich hierher verirrten und nicht neugierig sein, sondern eher nur zahlen wollten, eine Unterkunft. In der den hinteren Trakt des Gasthofs einnehmenden Wirtschaft konnten sie sich auch gleich von dem soeben eingesteckten Gewinn verabschieden, und in den an die Seiten des Gebäudes gehauenen, aus groben Balken zusammengezimmerten Kammern fanden sich immer ein, zwei, seine Dienste bereitwillig feilbietende Mädchen oder eine ihr Gesicht mit den Haaren verschleiernde Frau, der die Tagesarbeit auf den jenseitigen Feldern nicht ermüdend genug war oder bei der sich bloß die Verlockung des Geldes stärker als die Schwäche der Muskeln erwies.Stillschweigend fiel dieser Hof am Flussufer nicht in den Bereich des Komitats und der Herrschaft, gerade deshalb, weil er zum Flussbett gehörte. Der freiwillig abgetretene Zoll bringt bekanntlich einen größeren Gewinn ein, als die unter Zwang auferlegte Gebühr, ob nun von der Herrschaft oder der Kirche die Rede ist, wer hingegen das seelische und leibliche Heil im Sinn hat, sollte nicht an diesem Flussufer eine Unterkunft suchen. Es mag zwar richtig sein, dass der Lehre der Geschichtsbücher und Gleichnisreden zufolge der Weg vieler glorreicher Heiligen in Schlamm und Schmutz begonnen hat oder eben im müßigen Glanz des Goldes, daraus folgt jedoch noch nicht, dass die Tiefe früher oder später nach oben gelangt, und auch nicht, dass das, was oben ist, früher oder später erniedrigt wird, der Alltag ist nicht dafür geschaffen, den Menschen über sein Heil oder den Sinn der Jahre nachdenken zu lassen, sogar die Pfarrer gestehen ein, dass derjenige, der ständig aufgeworfenen Hauptes geht, früher oder später mit verstauchtem Fuß in die Grube fällt.Die alten Geschichten erzählen weiter, dass sich eines Morgens, einige Jahre nach dem großen Freiheitskampf, das Verladehaus veränderte.Es dämmerte bereits, die Kerzen brannten noch, denn das hemmungslose nächtliche Trinkgelage war weit davon entfernt, beendet zu sein. Am Tag zuvor hatten irgendwelche Lederhändler aus Odessa ihre Schiffe getreidelt, die in langer Reihe paarweise eingespannten Zugpferde wurden von den angeheuerten Männern ganz bis zum Ufer der Stadt getrieben. Sie waren mit Einbruch der Dunkelheit gekommen, angeblich direkt vom Meer hinaufgetrieben, mit nie gesehenen silberfarbenen Pelzen und außergewöhnlichen, glatten Ledern beladen, man sprach davon, dass dies gar keine richtigen Tiere seien, es waren aber die abgezogenen Häute von Robben und Salzwasserfischen. Haltbarer als die Felle jeglicher irdischer Geschöpfe, sogar als ein Panzer, schützen sie ihren Träger nicht nur einfach gegen die Kälte und die Wärme, sondern selbst gegen ein Messer. Die braunhäutigen, bärtigen Händler mit den aufgedunsenen Gesichtern feierten, nachdem sie bei den Schiffen Wachen abgestellt und sich im Haus eingenistet hatten, ihre erfolgreiche Reise. Aus kleinen Tonkrügen tranken sie ihren angewärmten pfeffrigen Pflaumenschnaps, mit brennenden Augen starrten sie die Mädchen mit den aufgeschürzten Kleidern an, kauten Schaffleisch, und ihre Spucke sickerte in die Ritzen des Plankenbodens.Vom anderen Ufer, von der Tiefebene her, hellte sich bereits der Horizont auf, als sie begannen müde zu werden, sie schienen auch da noch nicht betrunken. Sie lagen auf den die Wände entlang gezimmerten Strohbetten, ohne die Stiefel abzustreifen, hatten sie sich rücklings hineinfallen lassen.Die Scherben der zertretenen Krüge übersäten bis dahin den Boden wie braun gewordene, nasse Blätter.Die Alten nannten diese Zeit die Stunde der Hunde, wenn der Körper ermüdet, die Wächter am tiefsten schlafen und die Stille nicht einmal von dem Knacken der Äste, noch von dem Zwitschern der Vögel gebrochen wird. Dies ist die Zeit der Diebe und der Abschiednehmenden, die Liebe, die Freundschaft und das Leben muss in einer solchen Stunde ein Ende finden.Das morgendliche Licht breitete sich aus, und in der Dämmerung glänzte das mit Tau benetzte Laub in wilden, metallenen, blaugrünen Farben.Dieser Morgen war jedoch anders als die anderen.Im Stall des Verladehauses begannen die Pferde zu trampeln und zu schnauben, als würden sie irgendein wildes Tier oder gar Wölfe spüren, obwohl es vielleicht gute zehn Jahre her war, dass die herrschaftlichen Feldhüter in dieser Gegend das letzte Rudel eingekesselt hatten.Zuerst loderten die Flammen der Kerzen auf, als ob ein Luftzug durch den Saal gefahren wäre, dann knirschten und stöhnten die Balken plötzlich, wie der Schlafende, der herzklopfend davon aufwacht, dass er eingeschlafen ist.Auf dem Dachboden raschelte das Stroh. Das ganze Bauwerk begann zu zittern und zu beben, gold schimmernder Staub rieselte von oben, aus dem Brettergang, herab.Ein ganz eigenartiger Schrei ertönte, als schlüge ein Vogel ganz ohne Sinn zwischen den ineinander verflochtenen Bäumen um sich, vergeblich den Ausweg suchend.Dann erhob sich plötzlich das ganze Verladehaus. Panisch wiehernd stoben die Reißaus nehmenden Pferde und Maulesel aus dem in seine Einzelteile zusammenstürzenden Stall, verstört jagten sie platschend ins Wasser, in Richtung des gegenüberliegenden Flussufers. Aus der Seitenkammer rannten Frauen mit angeschwollenen Augen und weißen Blusen kreischend hinaus. Im nächsten Augenblick explodierten förmlich die Dielenbretter des Gesellschaftssaals, in dem die Gäste schliefen. Knallend zerfielen die Verzapfungen zu Spänen, und die schweren Holztische schwankten hin und her wie ein aus Bast gefertigtes Kinderspielzeug. Mit einem gewaltigen Knall schnellten die Balken nach oben, einige, die auf die Betten stürzten, zerquetschten die im Halbschlaf zu keiner Bewegung fähigen Händler.Wasser brach aus der Erde hervor: aus der tosenden Spalte ergoss sich, Erde, Bäume und Menschen beiseite fegend, die unbekannte Quelle.Bei Tagesanbruch war von dem Verladehaus nicht die geringste Spur mehr vorhanden.Einen halben Tag seinen Lauf folgend übersäte das Wasser das Ufer mit angeschwemmten Balken, gedrechselten Pfahlköpfen und den Überresten der zerborstenen Schiffe. An den Krümmungen schwebten zwischen den knotigen Wurzeln der Weiden die Leichen der bärtigen Händler.Die vormals sumpfige, lössige Erde ließ der Strom verschwinden, ungefähr zweihundert Schritte weiter hingegen lud er, wer weiß warum, nicht nur das Geröll ab, sondern verließ, sich zweiteilend, sein bisheriges Flussbett. Eine wahre kleine Insel wuchs hier heraus. Die in der Nacht wild gewordenen Rinder und Pferde standen jetzt dort mit starrem Blick und rochen schnaubend am ruhig gewordenen Wasser.Das Flussbett nahm auf jeden Fall, das Umgehen der Geröllinsel nicht berücksichtigend, kaum an Breite zu. Zugleich erzählten die schon bald Mut fassenden und in der strudelnden Gischt untertauchenden Fischerjungen davon, dass dort, wo das Verladehaus stand, auch jetzt noch das Wasser weiter hervorschösse, vom Haus sei zwar nicht die geringste Spur vorhanden, die Quelle hingegen spucke Knochen und Eisenteile, besondere, für Schlachten und zum Töten von Menschen gebräuchliche, hakenförmige Pfeilspitzen und mit Ketten zusammengeschnürte, schuppenartige Metallplättchen aus dem Schlamm hinauf.Sie holten auch einige hoch, zeigten sie auf ihren Handtellern.Pfeilspitzen, versteinerten Knochensplittern gleich.Metallplättchen, Silbergeld eines unbekannten Fisches gleich.Sie fanden auch einen vollkommen schwarz gewordenen Silberknopf, er war wie ein Kiesel, nur als der zum Fund herbeigerufene katholische Pfarrer die Kruste von ihm abrieb, war zu sehen, was für eine feine Schmiedearbeit er war, die Ranken und Pflanzengeflechte mit ineinander verwickelten Blättern leuchteten auf, wie die in Silber erstarrten, wuchernden Pflanzen eines märchenhaften Gartens. Als wäre es ein in Metall eingefrorenes Bild von jahrhundertealten, gar nicht mehr existierenden Pflanzen. Den Knopf ließ der Pfarrer angeblich nach Pécs senden, möglicherweise könne man dort sagen, aus welchem Zeitalter er sei, um gewisse Auseinandersetzungen abzuschließen und einige Gemüter zu beruhigen, ob die Sendung aber ankam und wie die Sachverständigen wohl über den Fund dachten, darüber gab es keine Kunde mehr.Dass auch so ein belangloses kleines Eisenstück den Menschen überlebt.Ob wohl all das, was war, spurlos verschwindet, oder ob es im Geruch der lössigen Erde, in den metallgrünen Blättern sein sollte oder im fortwährend nur enteilenden Wasser?Wo und wann ist wohl jenes Wasser, das jetzt emporströmt, unter der Erdoberfläche verschwunden?Viele sagten, dass den Knochen und Eisenschuppen nach zu urteilen, sich dort unten der frühere Wohnort der längst vergessenen Vorfahren verbarg. Andere glaubten, dass in der Tiefe des Flussbettes ein ehemaliger Friedhof gewesen sei und das Wasser die Gräber ausgewaschen habe. Denn die Vergangenheit, die versunkene Zeit und die uns vorangegangenen Menschen, wo sollten sie anders sein, sie wohnen in uns und um uns, die Erde klebt aus den vergangenen Tagen und den dahingeschwundenen Menschen zusammen, die Steine sind ihre Gebeine, die enteilenden Wolken sind die Zeit, der Mensch stellt sich selbst nicht nur wieder und wieder seine Zukunft vor, sondern erträumt auch die Vergangenheit, die Erde, auf der er geht, das Wasser, in das er sein Gesicht eintaucht, die Wolken, zu denen er seine Worte aufwirft.Tritt vorsichtig auf, du läufst auf meinen Träumen.Was war, das ist, was ist, das wird auch sein.Die Geschichten schwimmen in der Zeit, wie die weit zerstreuten Späne des zusammengestürzten Verladehauses.Diese besonderen Funde unter dem einstigen Gebäude konnten entweder Überreste von Häusern oder von letzten Ruhestätten sein, die allen Anzeichen nach eine sichere Ruhe keineswegs garantierten, nach kurzer Zeit war davon auf der ruhigen Oberfläche nichts mehr zu sehen. Der Mensch ist nicht dafür geschaffen, seine Erinnerungen mit sich herumzutragen, es gibt wenig größere Gaben als das Vergessen, und der Sterbliche kann sich glücklich schätzen, wenn die Erde, der Wind, der Regen und die Sonne ihm dabei behilflich sind, denn er kann ohnehin nur auf sich selbst zählen, weise spricht die Schrift, es gibt nichts, was von außen in den Menschen hineinkommt, das ihn unrein machen könnte, sondern was aus dem Menschen herauskommt, das ist’s, was den Menschen unrein macht.Noch war der Herbst in jenem alten Jahr nicht eingekehrt, doch schon kamen kühle Tage, dichte, blauschwarze Wolken.Mürrische kaiserliche Beamte mit Kalpaks und Dolmanen durchstreiften die Gegend, in Zweispännern knarrten sie über das Land.Die Häuser bereiteten sich auf den langen und stillen Winter vor, die Bewohner zogen sich zurück und schlossen abends schon früh die Fensterläden.Am Ufer des Städtchens wurde der Fluss wieder friedlich und freundlich, das Gerede wandelte sich langsam in eine Legende, und auf je weniger Leute man stieß, die sich noch an das Verladehaus erinnerten, desto seltener begegnete man auch den über den morgendlichen Schrecken gesponnenen Geschichten: wenn wir etwas einen Namen geben, so wird es damit auch geboren, und wenn wir über etwas schweigen, wird es vom Vergessen unwiderruflich verzehrt.Wer würde glauben, dass dort unten, in der Tiefe des trüben Flussbettes eine alte Quelle sprudelt?Die neu entstandene Insel begann bald zu grünen, große, starke Weiden hielten sich an den Rändern fest, ihre langen Äste bogen sich vom Frühjahr an in die Strömungsrichtung, als wollten sie sich ganz auf das Wasser legen.An Sommermorgenden verdoppelte sie der reglose Wasserspiegel.Der Herr über die südlich der Stadt liegenden Felder, ein Graf, der seinen früheren kroatischen Namen zu jener Zeit in die ungarische Schreibweise umwandelte, ließ Maurer und Baumeister kommen und befahl sie an das Ufer des Flusses. Er ließ eine kleine, flache Steinbrücke über dem stadtnahen, engeren Flussbett erbauen, auf die Insel hingegen ließ er innerhalb einiger Monate ein mehrstöckiges Haus mit einem Spitzdach errichten, das von einer gelben Steinmauer eingezäunt wurde. Die Brücke mit dem Eisengeländer wurde am Eingang von einem schweren, zweiflügeligen Tor mit einem Querbalken versperrt, als wollte es nicht das Haus vor den Fremden schützen, sondern die Stadt vor den Bewohnern hinter der Steinmauer verschonen. Die Letzteren kamen übrigens kurz nach Beendigung des Baus an: man brachte sie in mit Gardinen verhangenen, schwarz lackierten Wagen mit rot gestrichenen Rädern, um dann nie wieder hinter dem Tor hervorzukommen. Die Bauern hatten schon während des Baus getuschelt, dass sich die Verwandtschaft des Grafen auf einen türkischen Seitenzweig erstreckt, einen gewissen Erzherzog namens Yusuf Kemal, der auch früher schon zuweilen Treibjagden im Überschwemmungswald abgehalten hatte, es könne durchaus sein, dass die zu ihm gehörenden und auf ewig eingeschlossenen Sklavinnen dort drinnen ihre Tage zählten. Man wisse doch, wie das mit solchen östlichen Großherren sei. Oder man weiß es eben nicht, auch deshalb lohnt es sich, darüber zu sprechen. Andere erwähnten geradeheraus die aus der Umgebung spurlos verschwundenen Frauenzimmer und tuschelten, dass das zweiflügelige Tor nicht zufällig den lieben langen Tag verriegelt blieb.Es stellte sich bald heraus, dass die Nachricht, was die Verwandtschaft betraf, sich als richtig erwies. Im folgenden Frühjahr tauchte in Begleitung der herrschaftlichen Diener der kleinwüchsige Erzherzog mit seiner Adlernase und seinen glänzenden schwarzen Haaren höchstpersönlich in der Stadt auf, seine weißen Doggen an der Leine führend spazierte er zwischen den Häusern entlang. Vor und nach den Spaziergängen dienten zwei Menschen diesen Hunden, sie hielten ihr Fell in Ordnung, ließen sie laufen und trainierten sie, die langen Lederleinen schnallten sie an die um ihre Hälse schimmernden Nietenhalsbänder. Die am späten Nachmittag servierten großen, knochigen und noch blutigen Fleischstücke steckten sie auf die in der Hofmitte eingeschlagenen, bis zu den Knöcheln reichenden, spitzen Eisenpfähle, wenn die Doggen sie von dort abnahmen, dann kamen ihre Schnauzen nicht mit dem Staub in Berührung. Und es bewahrheitete sich auch, dass diese riesigen Tiere tatsächlich für die Jagd abgerichtet worden waren, denn sobald während des Spaziergangs am Wegesrand eine Gans, eine Ente oder ein Huhn mit weißen Federn auftauchte, stürzten sich die Hunde darauf und zerrissen es bei lebendigem Leib.Sie zitterten dem Töten entgegen, der Erzherzog dem Anblick des Tötens.Er zahlte den Geschädigten Silbergeld. Es störte ihn auch nicht, als man ihm berichtete, dass die Bauern das weiße Geflügel nicht nur draußen vergaßen, sondern es absichtlich in den Weg der Hunde laufen ließen, schließlich kam das Geld ganz gut, und in einem Topf heißen Wasser gab es zwischen einem zerrissenen und einem geschlachteten Federvieh keinen großen Unterschied.Der Erzherzog blieb auf einem seiner nachmittäglichen Spaziergänge auf der am Hang liegenden Gassenseite stehen, blickte lange unter dem ramponierten Schild, das für eine Schneiderei warb und mit einer Schere verziert war, in diese hinein und kehrte, nachdem er die Hundeleinen dem ihn begleitenden Gehilfen in die Hand drückte, in das Geschäft mit der niedrigen Tür ein. Zur größten Überraschung des aufgeregt stotternden und an derlei Besucher, ja sogar in letzter Zeit nicht einmal an Arbeit gewöhnten Schneidermeisters wurde er mit dem Nähen eines Hemdes beauftragt, sodass der Stoff noch am selben Tag aus der Herrschaft geliefert wurde. Der Erzherzog bestand auch darauf, dass der ansonsten nicht gerade für seine feinen Arbeiten namhafte Schneider den weißen Seidenstoff gleich während der Proben auf den Körper des Erzherzogs nähen sollte.Als dem Meister, dessen Handteller gehörig schwitzte, zum ersten Mal die Nadel ausrutschte, trat er erschrocken zurück und erwartete mit gebeugtem Rücken die Strafe. Der Erzherzog hingegen brachte hinsichtlich der Arbeit nicht nur seine Zufriedenheit zum Ausdruck, sondern belohnte den bemühten Schneider sogar mit einem Trinkgeld.Da begann der Meister zu begreifen, welche Aufgabe er besaß.Jeden zweiten Tag kam der Erzherzog zur Probe, er hingegen trennte morgens die bereits zusammengenähten Teile der Wäsche wieder auf, und für die Arbeiten besorgte er sich von dem Schustermeister am Markt auch eine außer Gebrauch befindliche Schuhahle. Der knochendürre und kleinwüchsige Erzherzog stand die Proben lautlos, mit niedergeschlagenen Augen und hin und wieder zuckenden Wimpern durch; seine Handschuhe nahm er niemals ab, er sprach nicht und achtete darauf, dass er die Möbel nicht berührte, dass er nichts berührte. Infolge der Stiche schmückten lauter winzige, wie rote Edelsteine glitzernde Bluttropfen seine Haut. Beim Abgang ließ der deutsch sprechende Diener in Jagdkleidung Silbergeld in den Handteller des Schneidermeisters fallen.Silbergeld und rote Edelsteine.Vom Frühling bis zum Ende des Sommers war der Erzherzog Gast der Herrschaft, dann reiste er in seine Heimat zurück und nahm auch seine Doggen und sein Silbergeld mit.Das auf der Insel errichtete gelbe Haus hingegen war entgegen aller Annahmen nicht zum Zwecke eines Harems erbaut worden. Noch in jenem Sommer brachten die herrschaftlichen Droschken Ärzte mit weiten Kragen, vierschrötige Krankenpfleger und schließlich eine Frauenperson mit einem breiten Kreuz und einer dröhnenden Stimme, die in Begleitung eines mit einer Haube ausstaffierten Zimmermädchens Tag für Tag auf den Markt ging und für die Pfleglinge des Schlosses die Zutaten für das Essen besorgte. Die Ärzte nahmen sich nach kurzer Zeit eine Unterkunft in der Stadt, so manches Küchen- und Zimmermädchen wurde unter den städtischen Bewerberinnen von der stattlichen Köchin in den Dienst genommen. So wusste bereits jeder, dass hinter den Steinmauern solche Kranke auf ihren Frieden warteten, denen ihre Geburt zwar viel Glück und Komfort versprochen hatte, was jedoch die Abstammung mit der einen Hand gab, das nahm das Schicksal mit der anderen. Obzwar, nickten die Städter, die das kleine Schloss erwähnten, es wohl auch als Idiot zwischen Samt und Seide leichter ist, als in niedrigen Häusern mit einem gestampften Boden.Später, nach dem Tod des kinderlos gebliebenen kroatischen Grafen, ließ man auch aus entfernteren Gegenden Pfleglinge in das Schloss einliefern, und wie ihre Zahl drinnen wuchs und der einem Kranken zur Verfügung stehende Platz sank, so verflüchtigten sich alle um das Haus kreisende Geheimnisse. Nun standen nicht mehr Liegestätten mit Seidenkissen, sondern Eisenbetten in den halbdunklen Zimmern, und die Fenster wurden nicht mehr von Blumen geschmückt, sondern durch Gitter geschützt. Im Sommer starrten die Pfleglinge, sich an die mit Ziegeln gedeckte Mauer klammernd, in Richtung Fluss und Stadt, als würden sie von dort eine nie zu verstehende Erklärung erwarten. In der Stadt hingegen wurde das gelbe kleine Schloss unter dem Namen Narreninsel erwähnt, es freuten sich diejenigen, die durch die Nervenheilanstalt eine gut bezahlte Arbeit erhielten.Wenn wir etwas einen Namen geben, so wird es damit auch geboren.Risse in den Steinen, ausgetretene Karawanenwege durch die Ebene hindurch.Es ist inzwischen gleichgültig, ob das Wort zuerst war, ob die Geschichte, die Erinnerung die Vergangenheit bewahrte oder ob die Vorstellung die alten Zeiten errichtete.Es ist nicht mehr so sehr das Ziel, das antreibt, sondern der sture Entschluss, den Weg zu Ende zu gehen.Viele Jahre später wurde hier, fast gegenüber der Insel, am hügeligen, lössigen Ufer das Hotel der Stadt erbaut, das an die Legende des Verladehauses erinnernd den Namen Quelle erhielt. Neben dem Kamin im Festsaal hing ein Gemälde, das, zwar etwas vergilbt, den Augenblick heraufrief, als die Gischt des Flusses die bereits zerbrochenen Balken und Bretter in Richtung Süden trieb.Es war Ende August, Sonntag.Ein pfeilgerader, grüner Zaun, der sich vom Hotel Quelle ganz bis zur Uferpromenade zog, teilte das breite Rechteck des Hauptplatzes in zwei Teile.Es war noch am Samstag in der Früh, als die von Hoteldirektor Dojcsán angeworbenen Korbflechter, Zigeuner, die am Stadtrand lebten, mit einem riesigen Stoß blättriger Zweige hierher kamen. Zu Beginn scheuchten sie lärmend und grölend, herzhaft lachend, die sich in den Tympanon der Sparkasse und in die Tiefe der längs des Ufers stehenden Kugelakazien zurückgezogenen Tauben auf, Tauben formende, blinkende Vogelschar über der Stadt, je größer die Hitze wurde, desto ruhiger arbeiteten sie, ihr Schweiß hinterließ schnell schwindende, winzige Flecken auf dem Basalt. Zehn Uhr war vorüber, als sie die feuchten, angespitzten Triebe eng aneinander gefügt zwischen die Kanten der Kopfsteine gesteckt hatten.Ein graues Rechteck mit dem Gitter aus Kopfsteinen, darauf das grüne, dichte Band.Die austrocknenden Blätter knüllten sich zusammen und wandten der Sonne vergeblich ihre hellere Unterseite zu: unter der Hitze schrumpelten sie immer weiter, als drücke sie das Gewicht der Luft immer mehr zusammen.Bewegungslos die Wärme.Dort oben, auf dem Kirchhügel, in der Kirche der Barmherzigen Brüder schlug leise, als ob nicht menschliche Kraft und Absicht sie betätigte, kaum hörbar die Glocke an.Ein einziger Schlag, dann die Stille.Als wäre es nur ein Knacken, dann das Schweigen.Weder die Erde, noch das Wasser, noch der Sonnenschein, denn diese sprechen nicht mit Worten.Am nächsten Tag war Sonntag, der Tag des Marktes und des Festes.Auf dem Hügelrücken hauchte bereits vom frühen Morgen an die weit offen stehende Kirchentür die Kühle der Wände und des Weihrauchs auf den vor dem Eingang stehenden hartblättrigen Buchsbaumstrauch und auf die zum schmiedeeisernen Tor des halbkreisbogenförmigen Kirchengarten führenden gelben Kieselsteine. Drinnen schaute die Gemeinde auf Pater Mihály, den jungen Pfarrer der städtischen Hauptkirche. Dieser schwarzhaarige junge Priester, obwohl er vor nicht so langer Zeit in der Nähe von Wien nächtelang gelernt hatte, wie groß die Macht der ausgesprochenen Worte auf uns ist, bekam jetzt, nach den vielen gleichförmig und so rasch vergangenen Tagen, so schien es, dennoch von den freigelassenen Worten selbst immer mehr Mut.Er schaute die Bewohner der auf Löss und Wasser erbauten Stadt an, lauter fremde Gesichter.Er lebte kaum ein Jahr hier, und trotzdem, als ob schon Jahre vergangen wären.Seine Locken fielen in die Stirn, als er seinen Kopf nach vorne beugte.Seine leidenschaftlichen Fragen trieben über die Hausdächer wie die durchscheinend dünn gewordenen Wolken.Er fragte, dabei pflegte er bis dato auch zaudernd zu antworten.Er hob die Stimme, und mit ihr hob er seinen rechten Arm immer höher, er spreizte seine Finger als forme er einen Stern. Seine breite Manschette rutschte hinter das schwarze, flaumige Handgelenk. Die Lichtstrahlen, die durch die bunten Glasstücke des Bleiglasfensters, den Knaben und Maria, die das Kind auf ihrem Schoß hielt, hindurchdrangen, blitzten auf dem über seinen Zeigefinger gezogenen Ring, dessen Reif aus Silber bestand. Der von silbernen Blättern umfasste rote Stein, gleich einem Bluttropfen oder einem besonderen Prisma, verstreute die auf ihn fallenden Strahlen nicht, sondern komprimierte sie zu einem Bündel.Silbergeld und roter Edelstein.– Denn wisst ihr – rief Pater Mihály – wisst ihr, dass es nichts gibt, was von außen in den Menschen hineinkommt, das ihn unrein machen könnte? Sondern nur was aus dem Menschen herauskommt, das ist’s, was den Menschen unrein macht?– Wisst ihr das? – rief er.Es herrschte wieder Stille in der Kirche. Die durch den Knaben mit dem runden Gesicht dringenden Lichtstreifen fielen aus dem Ring direkt auf das Kreuz neben dem Altar, auf die angenagelte weiße Marmorstatue.Rotes Funkeln auf den mit liebevoller Genauigkeit modellierten Fußzehen, den am gewölbten Spann herabschlängelnden Adern.– Wisst ihr, dass ein guter Mensch aus dem guten Schatz seines Herzens Gutes hervorbringt, und ein böser Mensch aus seinem bösen Schatz Böses hervorbringt?Als sei es die unterdrückte Antwort, durchfuhr die Gemeinde ein Schauder der Erregung: die Bänke knarrten.– Hier! – rief Pater Mihály und zeigte mit seiner anderen Hand auf die Quelle der guten und schlechten Schätze, auf sein Herz.Es war Sonntag, unten am Flussufer war noch Markt: am oberen Teil des Kais, sich keinen Deut um die Hitze kümmernd, aber auch um die Verpflichtungen der Seele nicht, warteten ausdauernd die Händler.Die Marktfrauen, die das Obst und Gemüse auf mit Bastgeflecht überdachten Barken transportierten, drängelten sich zwischen die Schuster, Kleiderhändler, Blaufärber und Kürschner, krakeelend und streitend suchten sie sich einen Platz. Etwas weiter, auf den aneinander geschobenen, breiten Tischen waren mit einem weißen Leinentuch geschützte, einander zugewandte Brote aufgestellt, daneben verscheuchten Süßigkeitenhändler eins um andere die Fliegen mit grünlichen Rücken und lockten die gierig starrenden Kinder an. Kleine Jungen liefen nach Wasser, damit die in Behältern stehenden Milchtöpfchen unter den in soldatischer Ordnung aufgereihten Käselaiben kühl blieben. Unten am Ufer, neben den großen Holzfässern und Einbäumen, glitzerten silbern die auf Bretter geworfenen, bogenförmig gekrümmten oder noch krampfhaft zappelnden Fische mit stierem Blick. Von der Seite, vom Hauptplatz her, schrie, den bemalten Paravent im Schatten eines Planwagens mit einem Leinendach hin und her zerrend, eine dreiköpfige Gruppe aus Bänkelsängern, um die in Mützen auf und ab marschierenden, auf Trommeln, Flöten und Geigen spielenden albanischen Musiker zu übertönen. Die von den Äckern am Stadtrand einbestellten Feldhüter passten mit schwirrenden Ruten auf die hoch angehäuften Melonenhügel auf. Beim Obst wurden bereits frühe Tafeltrauben angeboten. Vor dem Tiermarkt waren sogar Werkzeug- und Hufschmiede anzutreffen, und hinter den aneinander gelehnten Dauben arbeiteten mit schwitzenden Rücken eifrig hämmernde Fassküfer, Männer in Schürzen und Lederhosen, die nicht bloß von der Hitze und der Arbeit schwitzten, sondern weil am Ufer entlang Feuer aus Treibholz brannten, als habe die sengende Sonne selbst sie entfacht.Die Rauchfahnen schwebten scheinbar reglos über den Planen und Sonnenschirmen und den großen Holzpferchen der aus dem Süden gekommenen serbischen Schweinehändler, wo nur die kreuzförmig angeordneten Blätter, ähnlich den zwischen die Kopfsteine des Hauptplatzes gesteckten Ästen, den schnaufenden Viechern eine gewisse Labsal gaben, und sich nur langsam, ganz langsam ausbreitend gelangten sie zu den jenseits der Lastkähne und Fuhrwerke zusammengepferchten, zu Fuß aus Kumanien hergetriebenen, süßlich riechenden Rindern und den an die Pflöcke neben dem Wasser gebundenen Pferden, wo sich im braunen Schatten einer Weide ein ganzes Zigeunerlager angesiedelt hatte. Die Zigeuner lagerten schon seit gestern dort, um den zum Verkauf bestimmten Tieren nahe zu sein.Es war August, Ende August.Wie wenn ein Engel über einen gedeckten Tisch streicht, so trat in Folge des zufälligen Glockenschlags auf dem Kirchhügel im Getöse aus Schreien und Schlägen, Pfeifen und Trommeln, Geknalle und Gepolter, Flügel- und Hufschlägen unerwartet Stille ein.Die Sonne schien, der Himmel war unendlich hoch.Der Fluss glitzerte zwischen den ausgebleichten Steinen wie eine Erinnerung aus der untergegangenen Kindheit.Nur ein Augenblick der Stille, die gerade wegen des vorangegangen Lärms ohrenbetäubend wirkte.Gleich einem leisen Knacken, wie wenn ein riesiger Baum die Erde endgültig loslässt, damit anstatt der Wurzeln nunmehr seine Krone, sein zerdrücktes Laub, in ihre Nähe komme, und man weiß, dass dem Warten bestimmt das Krachen der zersplitternden Äste folgend wird.Dann war bereits Gekreische und Geheule zu hören, Schreie des Schreckens und der verzweifelten Verständnislosigkeit.Das Wirrwarr war von der Weide, also aus der Gegend der Pferche her ausgegangen, und breitete sich in sekundenschnelle über den ganzen Markt aus.Hatten sich vielleicht die im Zigeunerlager frei herumstreunenden, immer hungrigen, halbwilden Hunde zwischen die von der Wärme im Halbschlaf dösenden, hinter den Bretterzaun gedrängten Schweine verirrt?Oder waren die Tiere selbst von der unerträglichen Hitze durchgedreht?Sie durchbrachen den Pferch, verursachten Panik bei den Pferden und Rindern und natürlich auch bei den Treibern, die zwar johlend auf die Beine sprangen und nach den Leinen griffen, konnten jedoch mit menschlicher Kraft nicht mehr verhindern, dass die sich brüllend wälzende Herde sich in Richtung Hauptplatz und Zelte aufmachte.Die ausreißenden Rinder, Schweine und Pferde fegten die Tische der Händler förmlich hinweg.Ein Geruch von Blut war zu spüren, ein stechender und dennoch süßlicher Geruch, der sich mit dem Dunst von zertrampeltem Streu und Mist vermischte.Die geschickteren Marktfrauen stießen ihre Barken sofort auf das Wasser, ließen sogar die am Ufer auf Bastmatten ausgebreitete Ware zurück, aber den meisten half auch dies nichts, denn die sich am Ufer drängenden Tiere stürzten in das Wasser und rissen auch Menschen mit sich. Die umgestoßenen Feuer loderten Funken sprühend im Staub wieder auf. Eine Barke kenterte, die sich am runden Rumpf des Bootes vergebens klammernde Marktfrau hielten die Bänkelsänger in der Nähe des Ufers, indem sie ihr ihren Paravent reichten. Die Flammen griffen in die Zeltwände, und fettig flackernde Feuer schlugen an mehreren Orten gleichzeitig hoch. Der schwarze Rauch und der aufgewirbelte Staub trieb zwischen den Menschen und Tieren, es ging kein Wind, der die Schwaden vertrieb, und es gab kein Auge, das durch sie hindurch sah.Die Sonne schien.Den Lärm hörend strömten die Gläubigen aus der Kirche, überließen den jungen Pfarrer sich selbst, wie auch die Kellner der Hotels am Hauptplatz hinausstürzten, ebenso die Pikkolos und die Hausdiener, die an den Vorbereitungen des Lampionabends arbeitenden Küchenmägde und die Tischdecken und Servietten faltenden Zimmermädchen. Sogar die Köche überließen den brüllenden Direktor sich selbst, um zu sehen, was den noch nie gehörten Radau verursachte. Ein Augenblick, und schon drängten sich dort oben auf dem Hügel und auf dem Hauptplatz vor dem Hotel die vielen Menschen, wie auch die Pfleglinge über die mit Ziegeln gedeckten Mauer des gelben Schlosses hinauslugten, um zu erfahren, jeder seinem eigenen Mut, seinem Temperament und seinem Vermögen entsprechend, was geschieht, falls es geschieht, welche Tragödie ihren Anfang nimmt.In diesem Moment war ein weiteres Knacken zu hören.Ein dumpfer, unterdrückter Ton vom städtischen Eiskeller her.Ein Knacken, und dann gleich auch eine Art Knall, der lauter war als alles Krachen, als alle Rufe und Schreie, als alles Weinen und Bellen.Die seit Tagen, seit Wochen anhaltende drückende Hitze hatte sogar die in den Fuß des Hügels gegrabenen, gut mit Erde umgebenen Wände des Eiskellers durchdrungen und die Steine und Wände erhitzt. Die durch die Hitze schmelzenden Blöcke hatten die Strohbündel zerweicht, die Bindung der Ziegel und der Steine gelöst, und das Gewicht des Wassers hatte schließlich die Wand des Eiskellers geöffnet.Zunächst strömte nur Wasser aus der Spalte, als öffne sich eine geheime Quelle ihren Weg, das war das Knacken, dann wurden mit einem gewaltigen Knall Bruchziegel und Steine herausgeschleudert, und im nächsten Augenblick rutschten durch die erweiterte Öffnung bereits die übrig gebliebenen, glitzernden Eisblöcke hinaus auf den Hügelhang, und weiter, auf den Kopfsteinen entlang, hinunter in Richtung Hauptplatz. Sie durchtrennten die gerade Linie des grünen Zauns vom Samstagmorgen, glitten hinab ganz bis zum Fluss, zwischen die umgestürzten Tische und Zelte, in das Dickicht aus Rauch, Feuer und Staub oder stürzten geradewegs in den Fluss.Glitzernde, funkelnde Blöcke, sie hinterließen verdunstende Streifen, schnell verschwindende Spuren, wie Schweiß.Der eine, vielleicht der größte Block raste geradewegs über die Brücke und zerschmetterte das Holztor des Schlosses. Das ganze Gebäude wurde erschüttert, knallend zerfielen die Verzapfungen zu Spänen, und die schweren, gedrechselten Balken zersprangen wie ein aus Bast gefertigtes Kinderspielzeug auf dem Wasser.Ein anderer Eisblock rutschte auf die Seite, und bevor er das steile Ufer der Promenade erreichte, riss er an der Ecke des Hotels den mit blättrigen Ästen geschmückten und über ein Kuppeldach verfügenden Pavillon nieder, in dem aus Spenden des Herrschaftlichen Kasinos die in jenem Jahr auch errichtete, zu Ehren der Doppelmonarchie mit dem Gemälde Seiner Heiligen Kaiserlichen und Königlichen Majestät und lebenden Blumen verzierte Apotheose ihren Platz bekommen hatte.Die Glasscherben vermischten sich mit den Eissplittern, gleichförmig glitzerte auf ihnen die Augustsonne.Das Gemälde, das einen stattlichen Herrn in Uniformrock mit Stehkragen und weißem Backenbart darstellte, sprang entzweigeborsten aus dem Rahmen, die ölige Leinwand rollte sich durchnässt auf den Steinen ein.Es war Sonntag, Ende August, früher Nachmittag.In der durch die Feuer, die ausgerissenen Tiere, den aufgewirbelten Staub, den hartnäckigen Rauch und die Eisblöcke hervorgerufenen Panik trachtete ein jeder sein Leben zu retten. Die besonneneren Marktleute und die von Direktor Dojcsán dorthin dirigierten Kellner und Pikkolos gaben sich in eine Reihe aufgestellt die Holzeimer in die Hand, viele schlugen mit Schaufeln und Hacken bewaffnet die Flammen in die Erde zurück. Die Feuer waren im Wesentlichen bereits erstickt, als die behelmten Freiwilligen des städtischen Feuerwehrvereins goldene Glocken läutend mit einem bespannten Wasserwagen und mit Leitern ausgerüstet eintrafen.Inmitten des Schreckens und Durcheinanders war wohl niemand zu finden, der darauf geachtet hätte, dass die Bewohner des gelben kleinen Schlosses, anfangs nur furchtsam und neugierig aus den Fenstern hinauslugten, daraufhin bereits die Trümmer des zermalmten Tors überstiegen und sich auf der Steinbrücke versammelten. Wahrscheinlich hätte auch niemand geglaubt, wie viele dort drinnen waren.Die dunkle Rauchwolke schwebte auch weiterhin bewegungslos über der Stadt.Das Durcheinander wurde dadurch noch gesteigert, dass nun auch die aus der Kirche der Barmherzigen Brüder hinuntereilenden Gemeindemitglieder an der Rettung teilnahmen und dem Feuerwehrkommandanten der freiwilligen Feuerwehr, István Flaschner, keinen geringen Ärger verursachten. Dieser Schmiedemeister, der an der Stadtgrenze, am Rand des Weges, der am Fluss entlang in die Hauptstadt führte, zur allgemeinen Zufriedenheit seine eigene Werkstatt unterhielt, sah jetzt, während er sich am emporragenden Geländer des Hotels festhaltend den auf das lössige Ufer rückwärts zufahrenden Wasserwagen und die auf Befehle wartenden Freiwilligen lenkte, erschrocken, dass in der hin und her wogenden Menge mit einem Mal seine eigene Frau und auch sein Sohn János auftauchten. Der Letztere versuchte gerade ein wild gewordenes Pferd zu bremsen, was hieß, dass er sich verzweifelt an das improvisierte Halfter klammerte. Er war zwar ein sehniger, muskulöser Bursche, doch die Sache hätte wohl auch nicht so glimpflich ausgehen können, wenn ihm nicht zwei Zigeuner zur Hilfe eilen. Der eine ergriff das herunterhängende Ende des Halfters und begann sich furchtlos dem Maul des Zähne fletschenden Pferdes nähernd dessen Nase zu streicheln, der andere trat an dessen Seite und umarmte tatsächlich den Hals des Tieres.Der Sohn des Schmiedemeisters ließ das Seil los und schaute das Pferd an. Er sah die riesigen, braunen Augen des Tieres, und er sah darin versammelt, wie in einer gewölbten Linse, die umgestoßenen Zelte, die umgefallenen Tische, die hastenden Menschen. Er sagte nichts zu den Zigeunern, machte wütend auf dem Absatz kehrt und stieg zu der auf dem Gipfel des Steilhangs mit zusammengefalteten Händen erstarrt stehenden Mutter hinauf.Am Ufer herrschte zwar noch ein Durcheinander, aber so langsam stellte sich die Ordnung wieder ein.Ein jeder zählte die Verluste, ob nun von Menschen oder Waren die Rede war.
Wer hätte wohl darauf geachtet, dass die Bewohner des gelben kleinen Schlosses auf der Narreninsel sich wie der sich langsam setzende Staub unbemerkt unter die dahintreibende Menge mischten?
transl: Albert Koncsek
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